Im Winter 1984 war ich regelmäßig als Reiseleiter in Ägypten unterwegs. Unsere Gruppen reisten per Bus, Bahn, Flugzeug oder Schiff. Letzteres ist bis heute eine der besten, wenn nicht die beste Art, das Land am Nil zu entdecken.
Zufällig waren zwei befreundete Reiseleiterkolleginnen zur selben Zeit mit ihren Gruppen auf demselben Schiff. Nach dem Einschiffen in Assuan überliessen wir unsere Gäste deshalb für einen Abend der Obhut der Crew und gingen gemeinsam in der Stadt essen. Wir hatten uns lange nicht gesehen und entsprechend viel zu erzählen: von den letzten Reisen, kniffligen Situationen und Kunden, die ohne Visum nach China einreisen wollten. Das Essen war vorzüglich, der Gesprächsstoff unerschöpflich – und so wurde es später als geplant. Gegen 22.30 Uhr brachte uns ein Taxi zurück zum Pier. Nur: Unser Schiff war weg.
Rätselraten über sein mysteriöses Verschwinden – und, schlimmer noch, das unserer Kunden – sowie der eine oder andere Kraftausdruck brachten uns nicht weiter. 1984 gab es weder Internet noch Mobiltelefone oder andere schnelle Möglichkeiten, das Schiff zu erreichen. So standen wir abends im dunklen Assuan: mit wenig Bargeld, ohne Kreditkarten – damals noch kaum gebräuchlich – und vor allem ohne Ausweispapiere. Ein Plan musste her, wenn wir unsere Kunden wiederfinden wollten. Laut Reiseplan hätte das Schiff erst am nächsten Morgen Richtung Luxor ablegen sollen. Entweder kannte der Kapitän den Plan nicht, oder er war mondsüchtig – es war gerade Vollmond. Der nächste Halt war am folgenden Morgen in Kom Ombo geplant, wo der altägyptische Tempel besichtigt werden sollte. Bis dahin mussten wir dort sein.
Da es in Kom Ombo keine Hotels gab, beschlossen wir, in Assuan zu übernachten und frühmorgens mit dem Taxi weiterzufahren. Wir liessen uns zum nächstbesten Hotel bringen. Allerdings lagen unsere Pässe auf dem Schiff, und auch das Bargeld war knapp. In drei Hotels scheiterten wir daran, den Rezeptionisten unsere missliche Lage verständlich zu machen. Erst im vierten erbarmte sich ein Angestellter und gab uns ohne Pässe eine Unterkunft. Als wir erklärten, dass unser Budget nur für ein Zimmer mit drei Betten reiche, verstummte er. Dann musterte er meine beiden Begleiterinnen, sah mich anerkennend an und zwinkerte mir zu.
Auf dem Weg zum Zimmer nahm er mich diskret beiseite und sagte: «Falls du Hilfe brauchst, kannst du mich jederzeit anrufen.» Ich musste mich sehr beherrschen, um nicht laut loszulachen. Meine Kolleginnen, denen ich die Episode später im Zimmer erzählte, nahmen es mit Humor.
Die Geschichte ging gut aus: Am nächsten Morgen fuhren wir nach Kom Ombo. Das Schiff lag friedlich am Pier, unsere Kunden schliefen noch – und erfuhren nie, dass wir sie vorübergehend verloren hatten.
Wenn einer eine Reise tut ...

