Ein Koffer auf dem Rollfeld
Der Koffer war unscheinbar. Meine Aufmerksamkeit weckte einzig, dass er neben meinem eigenen auf dem Rollfeld vor einer Iljuschin 86 der russischen Aeroflot stand.
1986 bestand die Sowjetunion noch, wenn auch bereits mit nahendem Verfallsdatum. Für Flüge hinter den Eisernen Vorhang galt damals eine besondere Vorschrift: Vor dem Einsteigen musste jeder Fluggast sein Gepäckstück persönlich identifizieren, damit es verladen werden durfte.
Ein kurzer Abgleich der Gepäcketikette mit der Namensliste zeigte, dass die Besitzerin des Koffers zu meiner Gruppe gehörte. Ich nahm an, sie habe lediglich vergessen, ihn vor dem Einsteigen zu identifizieren. Also bestätigte ich sowohl meinen eigenen als auch ihren Koffer, stieg ins Flugzeug und hob kurz darauf Richtung Kiew ab.
Wie sich später herausstellte, war das ein Fehlentscheid mit Tragweite.
Drei Wochen ohne Besitzerin
Während des Fluges stellte ich mich meinen Kunden vor. Dabei bemerkte ich, dass die Besitzerin des Koffers entgegen meiner Annahme gar nicht an Bord war.
Nach der Landung versuchte ich, eine Rücksendung nach Zürich zu organisieren. Doch weder die Airline noch die Zollbehörden hatten ein offenes Ohr für mein Anliegen. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Koffer auf unsere rund dreiwöchige Reise mitzunehmen.
Seine Reise führte ihn durch die Ukraine, Armenien, Georgien, Usbekistan, Sibirien und Russland. Am Ende hatte der Koffer mehr erlebt als die meisten seiner Artgenossen; u.a. ein Aufenthalt auf der Krim, ein Flug mit einer alten Antonow 24 von Almaty nach Irkutsk und eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Taiga. Wohlbehalten und noch immer originalverpackt kehrte er nach Zürich zurück und gelangte wenig später wieder in die Obhut seiner Besitzerin.
Warum sie die Reise trotz erfolgreichen Check-ins am Flughafen Zürich nicht angetreten hatte, erfuhr ich nie im Detail. Offenbar konnte sie die Reise ein Jahr später nachholen. Ob sie dafür denselben Koffer benutzte, weiss ich bis heute nicht – doch der hatte ohnehin schon alles gesehen ...
Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Der Reaktorunfall von Tschernobyl lag zu Beginn unserer Reise erst wenige Wochen zurück. Bis kurz vor der Abreise war unklar, ob eine Reise in die Ukraine überhaupt möglich sein würde; insbesondere liess sich die Strahlengefahr damals nicht eindeutig beurteilen. Rund vierzig Jahre später fühle ich mich noch immer gesund und munter – und hoffe, dass das noch lange so bleibt.

