Tallinn: Türme, Giebel und der Domberg
Unsere Reise durchs Baltikum beginnt in Tallinn, der Hauptstadt Estlands. Die Altstadt gehört seit 1997 zum UNESCO-Welterbe und zählt zu den besterhaltenen mittelalterlichen Stadtkernen Nordeuropas. Schon von weitem grüssen die Kirchtürme, allen voran der schlanke Turm der Olaikirche, der im 16. Jahrhundert mit fast 160 Metern als höchstes Bauwerk der Welt galt. Rund zwei Kilometer der alten Stadtmauer stehen noch, und von den einst über vierzig Wehrtürmen sind gut zwanzig erhalten – mit ihren roten Spitzhauben wirken sie wie aus einem Märchenbuch.
Die Unterstadt war das Reich der Kaufleute und Handwerker, die als Mitglieder der Hanse mit Lübeck, Nowgorod und Danzig handelten. In der Rüütli-Strasse, der «Ritterstrasse», begegnen wir dem Geburtshaus von Michel Sittow, der in Tallinn geborene Maler, der im 15. Jahrhundert an den Höfen Spaniens und Burgunds arbeitete.
Über steile Gassen steigen wir hinauf auf den Domberg, den Toompea, wo früher Adel und Bischof residierten. Von den Aussichtsplattformen öffnet sich ein grossartiger Blick über ein Meer roter Ziegeldächer bis zum Hafen und zur Ostsee.
Gleich neben dem Parlament erhebt sich die orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren schwarzen Zwiebeltürmen, Ende des 19. Jahrhunderts als Symbol der russischen Herrschaft errichtet und bis heute umstritten.
Zurück in der Unterstadt schlägt auf dem Rathausplatz das Herz Tallinns: Bunte Giebelhäuser, Strassencafés und das einzige erhaltene gotische Rathaus Nordeuropas bilden die Kulisse. Am Abend zeichnet die untergehende Sonne die Silhouette der Türme gegen einen dramatischen Himmel.
Ein Abstecher führt uns in den Osten der Stadt nach Kadriorg, wo Peter der Grosse nach dem Nordischen Krieg für seine Frau Katharina ein barockes Sommerschloss erbauen liess. Das rot-weisse Schloss inmitten eines weitläufigen Parks beherbergt heute eine Sammlung ausländischer Kunst.
Nationalpark Lahemaa und Viinistu
Auf der Fernstrasse E20 geht es ostwärts – ein Wegweiser erinnert daran, dass St. Petersburg nur noch 280 Kilometer entfernt wäre. Wir biegen aber nach Norden ab, in den Nationalpark Lahemaa.
Er wurde 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion gegründet und umfasst über 700 Quadratkilometer Wälder, Moore, Flüsse und eine stark gegliederte Küste mit vier Halbinseln. Der Name bedeutet «Land der Buchten», und tatsächlich wechseln sich hier Kiefernwälder, Wacholderheiden und Findlingsfelder ab – riesige Granitblöcke, die das Eis der letzten Eiszeit aus Skandinavien hierher geschoben hat. Im Park liegen auch einige der schönsten Gutshöfe Estlands.
Das Herrenhaus Palmse, im 18. Jahrhundert von der deutschbaltischen Familie von der Pahlen erbaut, ist liebevoll restauriert und erzählt mit Park, Teichen, Orangerie und Nebengebäuden vom Leben der Gutsherren, die über Jahrhunderte die estnischen Bauern beherrschten. Im Park entdecken wir zierliche Holzhäuser, die mit ihren Veranden und roten Dächern ganz typisch für die Gegend sind.
Ganz im Norden, auf der Halbinsel Pärispea, liegt das Fischerdorf Viinistu. In einer ehemaligen Fischfabrik hat ein Geschäftsmann ein überraschend grosses Kunstmuseum eingerichtet, das estnische Malerei vom 19. Jahrhundert bis heute zeigt. Draussen balancieren Steintürme vor der Fassade, und nur wenige Schritte weiter beginnt die Küste. Die Strände von Lahemaa sind weit, still und oft menschenleer: feiner Sand, flaches Wasser, dahinter dunkler Kiefernwald. Hier spürt man, wie dünn besiedelt Estland ist – kaum anderthalb Millionen Menschen leben in einem Land, das grösser ist als die Schweiz.
Riga: Hanse, Dom und Jugendstil
Weiter südwärts überqueren wir die Grenze nach Lettland und erreichen Riga, mit rund 600'000 Einwohnern die grösste Stadt des Baltikums. 1201 von Bischof Albert aus Bremen gegründet, wurde Riga rasch zu einem der wichtigsten Handelsplätze der Hanse an der Mündung der Düna. Die Altstadt, ebenfalls UNESCO-Welterbe, ist ein dichtes Geflecht aus Gassen, Plätzen, Speichern und Kirchen.
Ihr Prunkstück ist das Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz, einst Sitz einer Bruderschaft lediger Kaufleute. Im Zweiten Weltkrieg zerstört und von den Sowjets abgetragen, wurde es zur 800-Jahr-Feier der Stadt im Jahr 2001 originalgetreu wieder aufgebaut – mit seinem überreich verzierten Backsteingiebel ist es heute das meistfotografierte Gebäude Rigas.
Nur wenige Schritte entfernt erhebt sich der Dom, die grösste mittelalterliche Kirche des Baltikums. Im Kreuzgang und in den Nebenräumen sind Steinskulpturen und Fragmente aus der Stadtgeschichte ausgestellt, darunter ein grimmig blickender Steinkopf.
Berühmt ist der Dom vor allem für seine Orgel: Bei ihrer Einweihung 1884 war sie die grösste der Welt, und noch heute füllen ihre über 6700 Pfeifen bei Konzerten das Kirchenschiff. Riga ist aber auch die Hauptstadt des Jugendstils. Rund ein Drittel aller Gebäude im Zentrum entstand um 1900 in diesem Stil – eine Dichte, die keine andere Stadt Europas erreicht.
In der Alberta iela und der Elizabetes iela reihen sich Fassaden mit Frauenköpfen, Masken und Pflanzenornamenten, die vor allem auf Michail Eisenstein zurückgehen. Auch im Detail lohnt sich der Blick: goldene Streifen auf einer roten Haustür oder ein spiralförmiges, farbig ausgemaltes Treppenhaus, das man von unten wie ein Kaleidoskop betrachtet.
Zwischen Altstadt und Neustadt zieht sich ein grüner Gürtel aus Parks entlang des alten Stadtgrabens, wo Trauerweiden ins Wasser hängen und die Einheimischen ihre Mittagspause verbringen. Am Abend leuchtet die klassizistische Fassade der Lettischen Nationaloper, deren erster Musikdirektor kein Geringerer als Richard Wagner war.
Jūrmala und Schloss Rundāle
Nur eine halbe Autostunde westlich von Riga liegt Jūrmala, der bekannteste Badeort des Baltikums. Die Stadt zieht sich über mehr als dreissig Kilometer auf einer schmalen Nehrung zwischen dem Fluss Lielupe und der Rigaer Bucht hin. Schon im 19. Jahrhundert kamen wohlhabende Familien aus Riga und St. Petersburg zur Sommerfrische hierher, und in sowjetischer Zeit war Jūrmala ein begehrtes Ferienziel der Parteielite. Aus dieser Zeit stammen tausende Holzvillen mit Türmchen, Veranden und verspielten Schnitzereien, von denen viele heute wieder liebevoll restauriert sind. Im Ortsteil Majori flanieren wir über die Fussgängerzone Jomas iela und dann hinunter an den Strand: ein endloses Band aus feinem, weissem Sand, auf dem Spaziergänger bis zum Horizont unterwegs sind.
Auf dem Weg nach Süden machen wir Halt in Rundāle. Mitten in der flachen Landschaft der Region Zemgale steht hier ein Schloss, das man eher in Frankreich erwarten würde. Es wurde ab 1736 von Bartolomeo Rastrelli, dem Architekten des Winterpalasts in St. Petersburg, für Ernst Johann von Biron erbaut, den Günstling der Zarin Anna und späteren Herzog von Kurland. Die prachtvollen Säle und der barocke Garten haben Rundāle den Beinamen «Versailles des Baltikums» eingebracht.
Vilnius: Barock an jeder Ecke
Über die litauische Grenze gelangen wir nach Vilnius. Anders als Tallinn und Riga war Vilnius nie eine Hansestadt, sondern die Hauptstadt des Grossfürstentums Litauen, das im Spätmittelalter vom Baltikum bis ans Schwarze Meer reichte. Die Altstadt ist eine der grössten Europas und vor allem barock geprägt – die Stadt wird nicht umsonst das «Rom des Nordens» genannt.
Ihr Mittelpunkt ist der Kathedralenplatz mit der weissen, klassizistischen Kathedrale, die wie ein griechischer Tempel wirkt, und dem freistehenden Glockenturm, der einst Teil der Stadtbefestigung war.
Ganz anders zeigt sich die Annenkirche: ein filigranes Meisterwerk der Backsteingotik aus 33 verschiedenen Ziegelformen. Napoleon soll so begeistert gewesen sein, dass er sie am liebsten auf seiner Hand nach Paris getragen hätte. Gleich daneben liegt die mächtige Bernhardinerkirche, und durch kopfsteingepflasterte Höfe geht es weiter zu den Barockfassaden, die in der Altstadt an jeder Ecke auftauchen.
Im Bernhardinerpark begegnen wir einer Gruppe bronzener Hunde, die zum Verweilen einladen. Vom Hügel über der Stadt reicht der Blick über die Neris auf die moderne Neustadt mit ihren Glastürmen – ein starker Kontrast zu den Kirchtürmen der Altstadt.
Ein besonderer Ort ist die Universität Vilnius, 1579 von den Jesuiten gegründet und damit eine der ältesten Hochschulen Osteuropas. Ihre dreizehn Innenhöfe mit Arkaden und Fresken bilden eine Stadt in der Stadt. Zum Universitätsensemble gehört die Johanniskirche, deren Inneres mit einem überwältigenden Hochaltar, einer blau-goldenen Orgel und vergoldeten Heiligenfiguren prunkt, während die hohe Fassade den grossen Hof beherrscht.
Zum Schluss spazieren wir noch zur Katharinenkirche, deren zwei Türme in zartem Rosa und Weiss leuchten – ein letzter barocker Höhepunkt in einer Stadt, die uns mit ihrer Gelassenheit und ihren Farben überrascht hat.
Trakai: Wasserburg und Karäerhäuser
Zum Abschluss der Reise fahren wir knapp dreissig Kilometer westwärts nach Trakai, der einstigen Hauptstadt des Grossfürstentums. Das Städtchen liegt inmitten einer Seenlandschaft, und auf einer Insel im Galvė-See erhebt sich die rote Backsteinburg, die zu den bekanntesten Bildern Litauens gehört. Sie wurde im 14. und frühen 15. Jahrhundert unter Grossfürst Vytautas erbaut, verfiel später zur Ruine und wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder aufgebaut.
Über hölzerne Brücken erreichen wir die Vorburg mit ihren runden Wehrtürmen und schliesslich den Burghof, über dem der mächtige Bergfried aufragt. Trakai ist zudem Heimat der Karäer, einer kleinen turksprachigen Volksgruppe, die Vytautas Ende des 14. Jahrhunderts von der Krim hierher holte, um die Burg zu bewachen. Bis heute prägen ihre farbigen Holzhäuser das Ortsbild – charakteristisch sind die drei Fenster zur Strasse: eines für Gott, eines für den Grossfürsten und eines für die Familie.
Kleine Plaketten weisen manche Häuser als Architekturdenkmäler aus. Wer hier noch Zeit hat, sollte unbedingt die Kibinai probieren, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen der Karäer – ein würdiger Schluss für eine Reise durch drei Länder, die so nah beieinanderliegen und doch so verschieden sind.

