Anreise ins damalige Zaire
Anfang der 1990er-Jahre arbeitete ich eine Zeit lang für ein Tourismusunternehmen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Meine Aufgabe bestand darin, Verträge mit Camps, Lodges und Hotels in Ostafrika auszuhandeln und neue Reiseangebote zu entwickeln. Dafür war ich regelmässig in Kenia und den umliegenden Ländern unterwegs. Eine dieser Reisen führte mich in das damalige Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo. Dort sollte ich unter anderem das touristische Potenzial im Osten des Landes an den Grenzen zu Uganda, Ruanda, Burundi und Tansania ausloten. Von Nairobi flog ich zunächst nach Kigali in Ruanda und reiste anschliessend auf dem Landweg bis zur kongolesischen Grenze. Die erste Etappe war der Kahuzi-Biega-Nationalpark. Er liegt westlich des Kivusees, etwas nördlich der Stadt Bukavu, und ist unter anderem Heimat für die stark vom Aussterben bedrohten Östlichen Flachlandgorillas. Ihr Name wird ihrer Erscheinung allerdings kaum gerecht: Diese Unterart ist die grösste der vier Gorilla-Unterarten und lebt hier in stark gebirgigem Gelände – alles andere als Flachländer also.
Begegnung mit den Gorillas
Vor uns ging ein Gorillatracker, der sich mit einer Machete einen Weg durch das Dickicht des Regenwaldes bahnte; begleitet wurden wir von zwei bewaffneten Parkwächtern. Immer wieder führte der Pfad steil bergauf und gleich darauf wieder steil bergab. Wir hatten Glück: Nach rund eineinhalb Stunden stiessen wir auf eine Grossfamilie mit einem Silberrücken als Oberhaupt, mehreren Weibchen und zahlreichen Jungtieren. Vor dem Aufbruch hatte man uns eingeschärft, nicht zu sprechen und uns ruhig und unaufgeregt zu verhalten. Der Blick in die Augen dieser beeindruckenden Tiere ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Sie schienen uns ebenso interessiert zu beobachten wie wir sie. Welche Kraft in ihren Kiefermuskeln steckte, demonstrierten sie eindrücklich: Mehrere Zentimeter dicke Bambusstangen zermahlten sie mühelos mit ihren Zähnen, bevor sie sie frassen. Es war ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.
Wildwasserfahrt mit Hindernissen
Auch die Wildwasserfahrt in Gummibooten am nächsten Tag blieb mir lebhaft in Erinnerung, zumal nicht alles nach Plan verlief. Weil die Hauptstrasse nach den jüngsten Regenfällen stellenweise unpassierbar war, mussten die Boote am Ende der Fahrt mehrere Kilometer bis zu unserem wartenden Fahrzeug zurückgetragen werden. Dem Gesamterlebnis tat das keinen Abbruch. Die Landschaft rund um den Kivusee ist von aussergewöhnlicher Schönheit und erinnert stellenweise an die Seen im Tessin und in Oberitalien. Überschattet wird diese Schönheit jedoch von der politischen Instabilität und den wiederkehrenden Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Auch die Tierwelt leidet darunter, und Wilderei ist für viele ein einträgliches Geschäft.
Geschichtlicher Hintergrund und Folgen für die Region
Die beschriebene Reise fand rund zwei Wochen vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Ruanda im Jahr 1994 statt. Gewaltige Flüchtlingsströme und Massaker an der Bevölkerungsgruppe der Tutsi mit Hunderttausenden von Toten waren die schrecklichen Folgen. In den folgenden Jahren erfassten die Unruhen die gesamte Region, wobei sie in den umliegenden Ländern immer wieder neu aufkeimten – so auch im Kongo.

